Der Klimawandel und unsere Infrastruktur

Großwetterlage

Unsere Atmosphäre ist in mehrere Stockwerke unterteilt. Im untersten und gleichzeitig weitaus (gas-)massereichsten Stockwerk Troposphäre spielt sich unser Wetter ab. In diesem „Kochtopf“ aus atmosphärischen Gasen brodelt es durch Sonneneinstrahlung. Die Folge sind komplexe Ströme und Blasen aus wärmerer und kälterer Luft, die Hoch- und Tiefdruckgebiete.

Am Äquator steigt heiße Luft auf, um vor allem in unseren Breiten erdumspannend mit der Kaltluft der Polarregionen zu kollidieren.Dieser Zusammenstoß verläuft nicht geradlinig, sondern erfolgt dynamisch in Wellenform. Die Folge ist die altbekannte Wanderbewegung aus ineinanderkreisenden Hoch- und Tiefdruckgebieten. Beide wechseln sich meist innerhalb weniger Tage ab.

Weltweit steigende Temperaturen führen zum Abschmelzen der Polkappen. DieTemperaturdifferenz zwischen Pol und Äquator nimmt daher ab; die Temperatur-„Spannung“ sinkt. Unser obiger Wettermotor verlangsamt sich. Sowohl die Hoch- als auch die Tiefdruckgebiete bleiben länger an Ort und Stelle. Während sich die Wasserladung einer Wolkenformation an einer einzigen Stelle komplett entleert (Starkregen, Schneechaos), trocknet ein benachbartes Hoch den dortigen Bereich stark aus (Dürre). Wir müssen in Zukunft also verstärkt mit Wetterextremen rechnen. Der Normalfall wird zur Ausnahme.

Wasserhaushalt des Waldes

DerWald ist ein mehrschichtiger komplexer dynamisch selbstregulierender Wasserspeicher. Im Kronendach wird Wasser aufgefangen und zwischengespeichert, bevor es über das Unterholz den Boden erreicht, um schließlich durch die Wurzelschicht hindurch das Grundwasser zu ergänzen. Auf jeder dieser Stufen wird durch Verdunstung letztlich Wasser in die Atmosphäre zurückbefördert. Besonders Laubbäume sind z.B. dank tiefreichender Wurzeln bei der wetterabhängigen Verdunstung wesentlich effektiver als Gras. Gras ist schnell vertrrocknet. Laubbäume benötigen in der Spitze ca. 2 Liter täglich pro Quadratmeter Bodenfläche. Die Bewässerung eines ganzen Waldes ist somit nicht möglich, sehr wohl aber die einzelner Bäume. Bäume sind eine enorme Klimaanlage und festigen den Boden.

Kleine Bodenkunde

Boden besteht aus verwittertem Gestein, organischem Material, Wasser und Luft. Deren genaue Zusammensetzung entscheidet über dessen Qualität und Eignung.

 Dabei ist der Boden nicht in Beton gegossen, sondern ein dynamisches Gesamtsystem. Pflanzen nehmen Wasser und Nährstoffe über die gemeinsame Wurzel- und Bodenpilzschicht auf (WoodWideWeb, waldweites Wurzelnetz), um das Wasser letztlich je nach Wetterlage über die Blätter zu verdunsten. Wurzeln kommen und gehen. Grundwasserströme können sich aus verschiedensten Gründen ändern. Gute und schlechte Zeiten gibt es auch hier. Auf alles reagieren Pflanzen und sorgen für Ausgleich; so gut es geht. Starken Durst bei anhaltender Dürre können wir ihnen nicht vorwerfen.

Nur: Was für Pflanzen gut ist, ist für Gebäude u.U. Gift.

Guter Humus eignet sich denkbar schlecht als Baugrund. Pflanzen fühlen sich pudelwohl, Gebäude sinken ein, weil sie keinen festen Halt haben.

Lehmboden ist bei optimalen Bedingungen (nicht zu naß, nicht zu trocken) gutf ür beides. Pflanzen finden genügend Halt, Nährstoffe und Wasser und können atmen. Gebäude haben einen sicheren Stand, solange derLehm patschnaß nicht zu Matsch wird. Besser geht natürlich immer: Gebäude stehen sicherer auf festem Fels; Pflanzen lieben meist frischen Humus. Lehm ist ein guter Kompromiß.

Sandböden werden von Statikern für Gebäude bevorzugt, weil das Wasser hier beim Bau keine Rolle spielt. Alles festtrampeln, und fertig. Pflanzen müssen hingegen auf den dort typischen Wassermangel spezialisiert sein.

Was einmal (beim Bau) gut war, muß nicht immer so bleiben. Lehmboden speichert Wasser wie ein Schwamm, sinkt bei extremer Trockenheit jedoch auch wieder stark zusammen. Wasser kann jedoch auch Sandböden enorm zusetzen. Dringt Wasser in Sandböden ein, saugt auch dieser sich wie ein Schwamm voll. Alles kommt ins Rutschen (Setzungsfließen). Vor Bodenveränderungen ist man nie völlig geschützt. Der Boden arbeitet.

Folgen des Klimawandels für den Boden

Nimmt der Wasseranteil bei Dürre ab, schieben sich die so entstehenden Hohlräume durch das Gewicht der darüberliegenden Bodenschichten und aufstehender Gebäude unregelmäßig zu und das Gesamtvolumen nimmt ab. Der Vorgang erinnert an einen nassen Schwamm, den man zur Entwässerung zusammendrückt. Schwindende Grundwasserstände infolge häufigerer Dürreperioden in unseren Breiten wird daher vermehrt und großflächig zu unregelmäßigen Bodensetzungen und Gebäudeschäden führen. Verdichtete Böden können zudem nachfolgende Starkregenmassen nicht mehr im erforderlichen Maße aufnehmen.

Zu erwartende ausgeprägte Dürreperioden gefolgt von Starkregenfällen infolge der Klimaveränderungen müssen mit einem kreativen komplexen innerstädtischem Wassermanagement abgefangen werden. Vegetation istd abei ein wesentlicher Konzept-Bestandteil. Die Bäume bilden mit Ihrer gemeinsamen Wurzel- und Bodenpilzschicht (WoodWideWeb,waldweites Wurzelnetzwerk) ein sich selbst regulierendes Wasserreservoir im Boden. Das Bundesumweltamt hat hierzu den Begriff„Schwammstadt“ geprägt. Regenwasser muß schnell in großen Mengen aufgenommen und langsam verzögert wieder abgegeben werden.

DerGrundwasserspiegel ist aus obigen Gründen der zentrale Faktor bei Bodensenkungen und -hebungen. In Millionenstädten wie Jakarta,Bangkok und Tokio hat die unkontrollierte Grundwasserentnahme durch den Menschen über Brunnen über Jahrzehnte zu Bodensenkungen im Stadtgebiet von mehreren Metern geführt. Im Jahrsind es in Jakarta aktuell mehr als 10 cm. Diese Situation wird in den tropischen Küstenstädten noch verschärft durch den gleichzeitigen Anstieg des Meeresspiegels. Tokio konnte durch Eindämmung der Grundwasserentnahme die Bodensenkung weitgehend stoppen. Venedig versucht man durch gezielte Wasserinjektionen in den Untergrund wieder zu heben. In Kenia werden neue Wälder gepflanzt, um den Grundwasserspiegel anzuheben. Der Grundwasserspiegel hat also für das Gelände quasi die Wirkung eines „Wagenhebers“; in beide Richtungen, nur mit starker Verzögerung.

Was tun?

Gezieltes, umsichtiges, ganzheitliches und weitsichtiges Handeln ist angesagt. Bäume helfen dabei, wenn man sie als Mitbewohner gut behandelt. Sie sind kein Möbelstück.

Der Klimawandel führt mit den zu erwartenden Wetterextremen auch bei uns flächendeckend zu sichtbaren Veränderungen. 2018 fehlte in Niedersachsen 25 % des jährlichen Niederschlages. Dafür hagelt es zu anderen Zeiten Starkregen und Überschwemmungen. Die Forstwirtschaft ist bereits seit Längerem auf der Suche nach Bäumen,die diese Extreme besser vertragen.

Gebäudesetzungen müssen schnellstmöglich behoben werden. Schon seit längerem gibt es Kompensationsinjektionen („Botox für Gebäude“).Mehrere chemische Stoffe reagieren in gezielt gesetzen Bohrlöchern erst vor Ort im Boden miteinander, quellen auf und härten aus. Eingesetzt werden solche Verfahren z.B. auch beim U-Bahn-Bau in Rom. Witterungsbedingte Gebäudesetzungen sollten daher behebbar sein. Besser ist es jedoch, diese durch ausreichende Bewässerung der Vegetation zu vermeiden. Bewässerungssäcke wie in der Porschestraße Süd an der Platanenallee sind eine praktische Lösung. Einmal auftanken bitte!

Nach Behebung der akuten Symptome kann man nur die Ursachen beobachten und sanft und nachhaltig gegensteuern. Klimaresistentere größere Baumneupflanzungen ergänzen unsere grünen Lungen. So erhalten wir unseren hohen (Grund-)Wasserspeicher und nichts bröselt mehr weg.

An Ort und Stelle gewachsener alter Baumbestand konnte tiefe Pfahlwurzeln entwickeln. Großbäume aus der Baumschule hingegen müssen regelmäßig herausgerissen und verpflanzt werden, damit sie überhaupt noch bewegbar bleiben, und kosten bei 8 m Höhe ca. 8.000 Euro. Vorhandene Bäume sind daher im Prinzip unersetzbar.Gebrechliche Menschen bekommen Gehhilfen. Warum stützen wir nicht alte Bäume ab, um deren immense Klimaleistung möglichst lange nutzen zu können?

Die Anlage von zusätzlichen Regenwasserrückhaltesystemen wie Zisternen, Flutmulden etc. hält diese wertvolle und kostenlose Resource vor Ort fest. Die Kombination mit (automatischen) Bewässerungssystemen für die Vegetation ist naheliegend.

DieLage ist also nicht hoffnungslos. Es gibt Lösungen! Wir müssen uns nur an veränderte Lebensbedingungen anpassen. Mutter Erde hat eben längere Bremswege…